Die nächsten Tage fließen weiter dahin. Sonntags Grillen mit den Marinabewohnern und neue Kontakte zu anderen deutschen Seglern. Montags Bootsalltag mit Saubermachen, Wäsche und Einkaufen. Axel bastelt an seinen – inzwischen diversen – 3D-Druckprojekten und Bootsverbesserungen. Außerdem kommen unsere Freunde von der Motoryacht Troll in Cartagena an und Axel freut sich mit Hildebrand einen erfahrenen 3D-Druck-Sparringspartner zu haben. Und auch ich habe mir für den Winter und vermutlich auch für die nächsten Jahre ein „Projekt“ vorgenommen. Bereits 2021 habe ich versucht Klavier zu lernen. Damals mit einem „echten“ Klavier. Geliehen und aufgrund von Corona ohne Lehrer. Eigentlich klappte das auch sehr gut, aber mein Job ließ mir leider damals keine Zeit, um wirklich zu üben und weiterzukommen. Zeit habe ich nun ja durchaus und nun will ich einen zweiten Versuch wagen. Natürlich passt ein echtes Klavier oder gar ein Konzerflügel nicht an Bord von La Ola. Zu groß und zu schwer. Aber ein elektronisches Klavier sollte machbar sein. Also wird fix eins bestellt und ein paar Tage später geliefert. Allerdings ist es auch erschreckend groß! Aber, was hilft’s? Da müssen wir nun mal durch. Lernen will ich auch diesmal wieder per App. Das habe ich in den letzten zwei Jahren mit meiner Ukulele gemacht und die gleiche App gibt es auch fürs Klavier. Der Ticketvorverkauf für mein erstes Konzert startet demnächst! Und hoffentlich mit einem fehlerfreien Ticketportal. Beim Kauf von ein paar Tickets in Cartagena wurde ich nämlich nach meiner Süßkartoffel statt meinem Vornamen gefragt! Zwischen all den Projekten gibt es auch weniger arbeitssame Stunden! Wir gehen Sushi essen und genießen an Bord von La Ola Pizza mit Brigitte und Kay von Kat Noa. Neue, sehr nette Freunde, die hier ebenfalls den Winter verbringen. Kulinarisch wird dies bestimmt nicht der letzte gemeinsame Abend gewesen sein!
Ab dem 18. September tauchen wir tief in die Geschichte von Cartagena ein. Wie bereits berichtet, wurde Cartagena im Jahr 227 v. Chr. vom karthagischen Feldherrn Hasdrubal als Qart Hadasht („Neue Stadt“) gegründet. in den punischen Kriegen diente sie dem karthagischen Heerführer Hannibal als militärischer Stützpunkt. Im Jahr 209 v. Chr. wurde die Stadt von römischen Feldherrn Scipio Africanus erobert. Unter dem Namen Carthago Nova („Neukarthago“) blühte sie im römischen Reich als Zentrum des Silber- und Mineralienabbaus auf. Anlässlich dieser Übernahme der Stadt von den Karthagern durch die Römer, findet jedes Jahr im September ein großes Festival statt. Und wir stecken mittendrin!
Das Programm ist vielfältig und startet laut Flyer am Freitagabend mit der Übergabe der Fackel am Forum Romanum und der Entzündung des heiligen Feuers am Plaza del Ayuntamiento. Die Übergabe der Fackel, die zuvor durch die Region Murcia getragen wurde, bekommen wir nur am Rande mit. Kanonensalutschüsse schallen durch die Bucht von Cartagena und es gibt es erstes Feuerwerk. Wir begeben uns zusammen mit Brigitte und Kay pünktlich zum zweiten Programmpunkt um 21 Uhr zum Palacio Consistorial in die Innenstadt. Dort wartet bereits eine Menschenmenge auf den Start der Veranstaltung. Darunter jede Menge Röner und Karthager in ziemlich aufwendigen und sehr detaillierten Kostümen. Der Countdown zählt runter und die Veranstaltung startet mit einem rockigen Auftritt einer ebenfalls kostümierten Band. Anschließend wird das Feuer, welches vorher vom Forum Romanum zum Plaza del Ayuntamiento getragen wurde, feierlich übergeben und ähnlich wie bei Olympia wird eine Feuerschale mit der Fackel entzündet. Dort lodert es nun bis zum Ende der Veranstaltung. Ein weiteres kleines Feuerwerk wird dazu direkt hinter uns gezündet. Danach werden die römischen und karthagischen Anführer auf den Balkonen des Palacio begrüßt. Karthago wird von General Hannibal und seiner Frau Himilce repräsentiert. Rom wird von Cornelius Scipio und Emilia Paula vertreten. Laienschauspieler, sowohl im Erwachsenen als auch im Kindesalter. Es geht mit einer kleinen Aufführung, von der wir leider nur Bruchteile auf Spanisch verstehen, weiter. Am Ende marschieren die Fahnenträger der karthagischen Truppen und der römischen Legionen ein und werden alle namentlich vorgestellt. Es gibt 25 karthagische Truppen, die sich in Karthager, iberische Völker und Bewohner von Qart-Hadasht unterteilen. Die römischen Legionen – ebenfalls 25 an der Zahl – unterteilen sich in zivile, militärische und Seestreitkräftezugehörigkeit. Die Truppen und Legionen werden von Vereinen organisiert, die jeweils alle ein Grundstück auf dem Festplatz besitzen und dort ihr Lager aufschlagen. Zum Abschluß des Aufmarsches gibt es dann noch einmal Feuerwerk. Während wir anschließend wieder zurück zur Marina laufen, geht es mit Reden von Behördenvertretern und einer Parade der Truppen und Legionen durch die Stadt zum Festplatz, der ein wenig außerhalb beim Stadion liegt, weiter. Wir nehmen noch einen Absacker mit Brigitte und Kay auf Noa ein und können aus dem Cockpit noch das große Eröffnungsfeuerwerk bewundern. Die Spanier mögen einfach gerne Feuerwerke!
In der Nacht fängt es an zu Gewittern, Regen prasselt aufs Deck und hält den ganzen Vornittag an. Der gestrige Abend war lang und wir haben wenig Antrieb früh aus den Kojen zu kommen. Erst gegen 10 Uhr gibt es Frühstück und auch danach verfallen wir nicht direkt in unnötige Action. Lästigerweise hat der Regen nicht nur viel Dreck ins Wasser gespült, sondern auch einige Mücken zum Leben erweckt. Innerhalb weniger Minuten bin ich ordentlich zerstochen und sprühe mich erst einmal mit Anti-Mückenmittel ein. Danach geht es ans Klavier zum Üben. Viel habe ich natürlich in den letzten fünf Jahren wieder verlernt. Aber ganz am Anfang muss ich auch nicht wieder anfangen. Bereits als Vorschulkind habe ich Noten lesen gelernt. Das hilft natürlich immens, denn das Gehirn hat dieses Wissen ganz tief und automatisch abrufbar eingespeichert. Und ein wenig Musiktheorie habe ich auch noch aus meinem Abitur (Musik als drittes Fach) noch im Hinterkopf. Ja, und die Augen, linke und rechte Hand Koordination klappt auch noch ganz gut. Nur die einzelnen Finger finden nicht immer gleich auf Anhieb die richtige Taste. Aber, Übung macht ja bekanntlich den Meister und so werde ich mit jeder Lektion besser und sicherer. Die Lern-App macht es einem allerdings auch leicht, denn man wird zwar gefordert, aber nicht überfordert. Nur Axel tut mir ab und zu ein wenig Leid, denn noch fehlt mir ein Stecker, damit ich lautlos üben kann. Und die hundertste Akkordwechselübung von A auf E auf C ist dann vielleicht doch eher nervig. Axel sitzt den ganzen Tag an seinem Projekt und verzweifelt heute. Gerade noch hat alles funktioniert, dann geht nichts mehr. Er grübelt und grübelt, aber erst bei der Zubereitung des Abendessens (Cesar Salad) fällt ihm die Lösung ein. Eine Diode fehlt. Kleines Teil, große Wirkung. Nach dem Abendessen spazieren wir in die Stadt und schauen uns an der Hafenpromenade einen Teil der Aufführung über die Gründung von Qart Hadasht an. Das anschließende Hissen der karthagische Flagge am Plaza del Ayuntamiento und die Parade der karthagische Truppen durch die Innenstadt zum Festgelände schauen wir uns allerdings nicht mehr an. Und ja. Feuerwerk gibt es natürlich auch wieder.
Sonntags haben wir Festival-Pause. Wir beschäftigen uns an Bord mit Projekten und Klavierüben. Abends geht’s dann mal wieder zum gemeinsamen Grillen mit den anderen Seglern. Die Runde wächst immer weiter an und inzwischen sind zwei Grill-Fässer im Einsatz. Ungeachtet dessen, dass wir nicht zum Festival gegangen sind, gibt es am späten Abend aber auch mal wieder ein Feuerwerk zu bewundern. Lucky ist davon wenig begeistert, hat sich aber inzwischen so daran gewöhnt, dass er nicht mehr in seine Kabine flüchtet und in Deckung geht.
Der Start in die neue Woche verläuft ruhig. Wir frühstücken Müsli und fahren anschließend mit den Rädern zum Einkaufen. Es wird aufgeräumt, Wäsche gemacht und dann widmen wir uns unseren Projekten. Axel löst sein Dioden-Problem und baut direkt noch ein paar Verbesserungen ein. Hildebrand bringt von Axel designte und von ihm gedruckte Zahnräder vorbei. Nicht so schlecht! Ich versuche mich an der Ode an die Freude und schaffe es am Ende das Stück zweihändig und fehlerfrei zu spielen. OK, natürlich nur in der Anfängerversion, aber immerhin, nach nicht mal einer Woche. Am Abend wird dann um 21 Uhr die Hochzeit des jungen Feldherrn Hannibal und der iberischen Prinzessin Himilce im Jahr 221/220 a.D. aufgeführt. Die Ehe war ursprünglich politischer Natur, um ein Bündnis zwischen Karthago und den einheimischen iberischen Völkern zu sichern. Antiken Berichten zufolge entwickelte sich daraus jedoch angeblich eine tiefe, leidenschaftliche Liebe. Ja und natürlich gibt es auch wieder Feuerwerk! Reichlich sogar. Im Anschluß zieht die ganze Versammlung wieder quer durch die innenstadt zum Festivalgelände, jedoch wie immer ohne uns. Wir sitzen stattdessen noch ein wenig im Cockpit und lassen den Abend gemütlich ausklingen.
Am nächsten Tag fahren wir endlich einmal mit den Fahrrädern zur Markthalle von Cartagena, Die ist allerdings leider recht klein und das Angebot ist in der Woche überschaubar. Vielleicht gibt es samstags mehr? Die Warteschlangen sind dafür umso länger, wovon wir erst recht nicht zu begeistern sind. So fahren wir unverrichteter Dinge weiter und kaufen lieber bei unserem Stamm-Diskounter ein. Inzwischen ist der fehlende Stecker eingetroffen und ich könnte nun lautlos für alle anderen und bis zum Umfallen Klavier üben. Nein, ganz so versessen bin ich natürlich nicht. Und leider gibt meine App die gespielten Töne mit Verzögerung über meine Earpod-Kopfhörer wieder. So geht es nicht. Also muss ein Kabelkofphörer ans Klavier angeschlossen werden. Den haben wir zwar, aber leider passt der Stecker nicht. Also bestellt Axel schon aus Eigeninteresse schnell einen Adapter. Und ein paar andere Dinge werden auch noch gemacht. So bekomme ich von Maja von der Troll eine überzählige Schwimmweste zum Kayakfahren geschenkt. Nun kann ich mich auch auf entferntere Touren begeben. Axels eBike fängt außerdem an zu mucken und muss – mal wieder – repariert werden. Scheinbar geht nun auch bei Axel der Motor langsam aber sicher kaputt. Was für ein Schrott! Auch heute Abend geht es wieder historisch weiter. Nach der Hochzeit der Karthagers Hannibal mit der iberischen Prinzessin Himilce suchen beide göttlichen Rat bei der Göttin Tanit. Diesmal findet die Aufführung nicht an der Hafenpromenade, sondern im Auditorium Paco Martin statt. So muss ich erst den Berg hinauf und mühsam schnaufend – ich muss an meiner Fitness arbeiten! – zahllose Treppenstufen bewältigen. Im modernen Amphitheater angekommen, füllen sich die Reihen schnell. Ich bekomme einen schönen Platz und kann die Bühne, aber auch die zahlreichen kostümierten Darsteller und Zuschauer gut sehen. Die Veranstaltung beginnt mit der Ehrung langjähriger und besonders engagierter Akteure. Dann wird es magisch. Zu passender Musik erscheinen Engel, der Hohepriester und schließlich die Götting Tanit persönlich. Tanit war übrigens die höchste weibliche Schutzgöttin der antiken Stadt Karthago und eine zentrale Gottheit im Mittelmeerraum. Sie wird zunächst von einem alten Mann, einer jungen Frau und dem Feldherrn Hannibal um Rat gefragt. Für Hannibal orakelt sie eine ungewisse Zukunft und das er in Richtung Rom ziehen muss, um sein Schicksal zu erfüllen. Den alten Herren und die junge Frau trifft es besser. Jedenfalls, wenn ich es mit meinen Spanischkenntnissen richtig verstanden habe. Mit einem prächtigen Feuerregen erscheint schließlich Prinzessin Himilce, die zunächst fragt, ob auch sie als Ibererin das Orakel um Rat fragen kann. Darf sie, Tanit ist für alle da. Allerdings orakelt Tanit auch in diesem Fall eine schwierige Zukunft und sagt den Untergang der Stadt Qart-Hadash und die Eroberung durch die Römer vorher. Gekrönt wird das ganze Schauspiel natürlich durch ein tolles Feuerwerk. Ich laufe im Anschluß am antiken Amphitheater vorbei und kehre durch die Stadt zurück zur Marina. Die Innenstadt ist noch belebt und an den Kneipentischen lehnen lässig Römer und Karthager. Die Menschen hier leben die Geschichte auch nach den Veranstaltungen einfach weiter.
Herbstanfang! Und uns weckt die Sonne an einem strahlend blauen Himmel. Aktuell ist das Wetter so wie wir es mögen. Nachts kühlt es ab und man braucht keine Klimaanlage, um ruhig und ohne Durchschwitzen schlafen zu können. Morgens wird es schnell warm und wird tagsüber nicht zu heiß. Wir haben immer noch zwischen 25 und 30° C, empfinden diese Temperaturen als sehr angenehm. Abends bleibt es noch lange warm, so dass man in Sommerkleidung bis spät in den Abend draußen sitzen kann. Wir nutzen das schöne Wetter und waschen unsere Cockpitpolster. Obwohl wir versuchen immer ein Handtuch unterzulegen, wenn wir in Badehose und Bikini darauf sitzen, sind sie doch über den Sommer ziemlich schweißgetränkt worden. Aber zum Glück kann man sie einfach abspülen und wie das Deck abschrubben. Ordentlich durchgespült, müssen sie nur noch in der Sonne wieder trocknen. Abends um 20 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Fußballstadion. Einmal quer durch die Innenstadt geht es zu Fuß vor die Tore der Stadt. Im Stadion wird mit dem Circo Maximo ein großes Spektakel aus den Zeiten von Cartago-Nova, also der römisch besetzten Zeit der Stadt, aufgeführt. Wir stärken uns vorher an einer der zahlreichen Fressbuden und warten dann geduldig, bis sich die Warteschlangen vor den Einlasstoren aufgelöst haben. Dann entern auch wir das Stadion und suchen erfolgreich unsere Plätze auf dem Oberrang. Karten konnten wir für sagenhafte 7,56 Euro pro Person ergattern. Das Spektakel startet mit dem Aufmarsch der römischen Legionen und einem obligatorischen Feuerwerk. Dann führt der in Spanien bekannte Fernsehmoderator Luis Larrodera als „Extranjero“, der sich mit der Aufführung vor dem Todesurteil durch die römischen Herrscher retten will, durch durch den Abend. Gestartet wird mit einem Football-Spiel, historisch ohne Schutz und mit viel Gerangel zwischen den Teilnehmern. Daneben üben Legionäre Schwertkampf, Verteidigungsformationen und das gemeinsame Vorrücken im Kampf. Dann folgen Gladiatorenkämpfe, realistisch inszeniert und das Publikum kann am Ende über das Schicksal der Gladiatoren entscheidet. (in diesem Fall stimmt die Mehrheit für den Tod des unterlegenen Gladiators). Die römischen Herrscher sind mit dem Programm noch nicht ausreichend zufrieden gestellt und so verspricht ihnen Luis den Meeresgott Neptun und das Meer in den Circo Maximo zu holen. Dies gelingt ihm auch. Wellen kräuseln sich über den Stadionrasen. Lichterquallen, Delfine und ein Wal schwimmen umher. Wie in der Strömung tanzendes Seegras wiegen sich Akrobatinnen in schwindelerregender Höhe nach vorne und hinten. Aus einer Muschel wird eine weitere Akrobatin in die Höhe gezogen und zeigt eine tolle Seilakrobatik. Und ja, Neptun selbst erscheint auch auf der Tribüne (gut erkennbar am Dreizack!). Nach weiteren Tänzen, Feuerkünstlern am Rasenrand und einer vermutlich – wenn man des Spanischen etwas mächtiger wäre – lustigen Schiffsnummer mit Luis, dürfen wir dann über das Schicksal von Luis abstimmen. Er hat Glück und es hat dem Publikum gefallen, ao dass am Leben bleiben darf. Und getreu dem Motto „Brot und Spiele“, bekommen wir auf unseren Tribünenplätzen schließlich sogar einen kleinen Kuchen überreicht. Das Spektakel endet, wie es in Spanien enden muss, mit einem phänomenalen Feuerwerk. Zum Schutz des natürlichen Rasens im Stadion kamen bei der Veranstaltung in diesem Jahr übrigens keine Tiere, Pferde oder Streitwagen zum Einsatz. Wir machen uns wieder auf den halbstündigen Fußmarsch durch die Innenstadt nach Hause. Um 23:30 Uhr herrscht tatsächlich noch Leben in der Stadt. Menschen sitzen vor Tapasbars, nehmen noch einen letzen Drink oder laufen einfach so durch die Calle Mayor. Alles ist hell erleuchtet und blitzblank gesäubert. So wünscht man sich auch in Deutschland manche Innenstadt. Nachdem wir gerade wieder an Bord angekommen sind, hallt plötzlich ein Hilfeschrei vom gegenüberliegenden Ponton durch die Marina. Jemand soll ins Wasser gefallen und nicht wieder aufgetaucht sein. Wir eilen hinüber, bewaffnet mit Scheinwerfer und Rettungsring, und fragen was passiert ist. Dabei stellt sich zum Glück schnell heraus, dass es sich um einen Fehlalarm handelt. Zwar ist die Gangway ins Wasser gefallen, aber zum Glück befand sich die vermisst geglaubte Person nicht darauf und geht entsprechend seelenruhig ans Telefon, als ihn seine Frau anruft. Puh, auf das Theaterstück „Viel Lärm um Nichts“ hätten wir um Mitternacht gut verzichten können. Aber besser so, als das tatsächlich etwas passiert wäre!
Am nächsten Morgen schlafen wir etwas länger aus und werden erst von den Lautsprecherdurchsagen der heutigen Kreuzfahrtschiffe geweckt. Nach einem gemütlichen Frühstück macht sich Axel mit seinem Fahrrad auf den Weg zu Decathlon. Dort hat er einen Termin zur Reparatur seines Fahrrades gebucht und hofft, dass sich dies schnell erledigen lässt. Allerdings muss das Fahrrad erst einmal zu einem anderen Standort gesendet werden, bevor es einen Kostenvoranschlag für die Reparatur gibt. Und dann erst wird es repariert. Also bleiben mal wieder ein paar Wochen ohne Fahrrad für uns übrig. Da Axel nun kein Fahrrad mehr hat, wird er von Kay freundlicherweise mit dem Auto abgeholt und wieder zur Marina gebracht. Zurück an Bord nimmt er seinen 3D-Drucker auseinander und wartet ihn. Die nächsten Druckprojekte können also angegangen werden. Am frühen Abend gehen wir mit Brigitte und Kay an die Hafenpromenade. Dort landet heute die karthagische Flotte im Hafen an. Mit einem großen Schlepper werden die Truppen zur Kreuzfahrerpier gebracht und marschieren von dort zum Plaza Mayor. Während dort die Anwerbung von Söldner für den Kampf gegen Rom aufgeführt wird, laufen wir in die Stadt und stärken uns mit ein paar leckeren Tapas. Dabei können wir das Einholen der Flagge am Rathaus und den Vorbeimarsch von römischen Truppen beobachten. Auf dem Rückweg durch die Innenstadt begegnen wir berittenen Söldnern und Heerscharen an Karthagern und Römern. Am Plaza Mayor bricht auf der Theaterbühne gerade Hannibal zum Feldzug in Richtung Rom auf. Es gibt ein kleines Feuerwerk und während wir noch ein Glas Cava bei uns im Cockpit trinken, zieht Hannubal mit seinen Truppen quer durch die Innenstadt zum Festplatz.
Am Freitag geht es in Hafen heiß her. Es ist der Tag der großen Schlacht und La Gran Batella ist das absolute Highlight des Festivals. Tausende Darsteller in originalgetreuen Rüstungen und Kostümen stellen die historische Schlacht um die Stadt aus dem Jahr 209 v. Chr. nach. Damals eroberte der römische Feldherr Scipio die karthagische Stadt Qart Hadasht. In der Bucht von Cartagena finden bereits vormittags Seeschlachten statt. Die Seeschlachten werden allerdings nicht originalgetreu mit einer ganzen Flotte an Galeeren ausgetragen, sondern finden in Form einer Ruderegatta statt. Nicht ganz so spannend, aber trotzdem finden sich zahlreiche Zuschauer am Hafen ein. Der heutige Tag ist in Cartagena übrigens ein offizieller lokaler Feiertag zu Ehren der historischen Festivitäten Carthagineses y Romanos. Schließlich landet am Nachmittag die römische Flotte am Plaza Mayor an der Hafenpromenade an, um die Stadt Qart-Hadasht zu erobern. Die Schlacht wird am Cuesta del Batel geführt. Ein Spektakel, welches wir uns für 9,99 Euro pro Person ebenfalls nicht entgehen lassen. Und, der Weg ist diemal nicht allzu weit. Wir finden schnell unsere Plätze in Reihe 3 und schwitzen bis zum Start des Spektakels in der Sonne. Immerhin müssen wir keine schweren Rüstungen, Helme und Fellmäntel tragen. Bevor es richtig los geht mit der Schlacht, können wir aber auch bereits das Stadtleben von Qart Hadasht beobachten. Kinder führen Esel herum, Obst und Gemüse werden feilgeboten. Reiter sind mit ihren rassigen Rossen unterwegs. Dann geht es irgendwann so richtig los. Heerscharen von karthagischen Truppen und römischen Legionen stürmen den Platz. Es wird mit Schwertern gekämpft, Pfeile werden abgeschossen und Steine geschleudert. Im Laufschritt geht es hin und her. Mittendrin Streitwagen und Pferde. Erst sieht es nach einem Sieg für die Karthager aus, doch dann nimmt die römische Macht Überhand. Mitten im Kampf fliegen auch zu uns Pfeile auf die Tribüne und ein Geschoss kommt auf mich zugeflogen, Und trifft mich! Schmerz schießt mir in die Nase und Blut läuft mir übers Gesicht, Und nein, ich übertreibe hier nicht! Ich fühle kurz, ob die Nase gebrochen ist, Ist sie zum Glück aber nicht. Ob mich einer der abgeschossenen Papppfeile oder etwas anderes getroffen hat? Angefühlt hat es sich eher wie ein Stein. Aber die Schmarre lässt tatsächlich den Verdacht auf einen der Pfeile fallen. Egal, ich bin vermutlich die einzig echt Verwundete auf bzw. neben dem Schlachtfeld. Zum Glück sind wir gut gerüstet. Taschentücher für die Blutstillung, Getränkedose für die Kühlung und Pflaster zum Abschluß. Unsere spanischen Sittnachbarn fragen besorgt, wie es mir geht. Ich werde es überleben! Irgendwie kann ich mir trotz der Schmerzen ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wer ist denn sonst schon im Kampf zwischen Karthago und Rom mal verwundet worden? Und dass, nachdem seit dem eigentlichen Kampf etwa 3.000 Jahre. ergangen sind. Einzigartig, oder?! Und am Ende habe ich ja auch mal wieder Glück im Unglück gehabt. Zwei Zentimeter höher wäre mein Auge getroffen worden. Und dann hätten Taschentuch und Pflaster definitiv nicht gereicht. Und das hinter mir sitzende Kleinkind wurde zum Glück auch nicht getroffen, Nachdem die Römer auf dem Feld dann doch erstaunlicherweise – und damit historisch korrekt – den Sieg errungen haben, machen wir uns wieder auf den Heimweg an Bord. Die siegreichen Römer ziehen noch zum Rathausplatz, wo der Sieg Roms proklamiert wird. Anschließend gibt es eine Siegesparade der Römer durch die Innenstadt zum Festgelände. Dieser Teil des Spektakels geht leider aufgrund meiner lädierten Nase an uns vorbei und zu unserem großen Erstaunen gibt es heute ausnahmsweise mal kein Feuerwerk. Die werden doch wohl nicht schwächeln?!
Nach einer etwas unruhigen Nacht, in der meine Nase und der Wangenknochen schmerzen, geht es morgens um 7:30 Uhr raus aus den Federn. Brigitte und Kay haben angeboten, mich mit dem Auto zum Einkaufen mitzunehmen und die Gelegenheit will ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Erst plündern wir den ALDI-Markt, dann geht es weiter zu Carrefour. Am Ende haben wir eine Bollerwagenladung voll, die wir vom Auto zum Schiff ziehen. Reicht erst einmal wieder für ein paar Tage, so dass es nicht allzu viel ausmacht, dass wir aktuell nur ein Fahrrad zur Verfügung haben. Mit den mitgebrachten Zutaten bereitet Axel einen leckeren Cole-Slaw für den Abend zu, denn es geht mal wieder zum Grillen. Diesmal allerdings nicht nur am Sonntag, sondern auch bereits einen Tag zuvor. Unser Freund Dietmar, den wir bei unserer Tour mit Hello World in Tahiti kennengelernt haben, ist inzwischen Organisator der Ocean Posse und hat für heute zum großen Kick-Off Event eingeladen. Die Veranstaltung startet bereits nachmittags mit ein paar Seminaren zur Vorbereitung auf die Atlantiküberquerung. Wir schauen kurz vorbei und freuen uns, dass wir Dietmar nach so langer Zeit wiedersehen. Die Seminare sparen wir uns allerdings, denn im Moment planen wir ja erst einmal keine Atlantiküberquerung. Wir stoßen erst am Abend wieder mit Käpt’n Blaubär zusammen hinzu und freuen uns viele neue Segler kennenzulernen. Schade nur, dass die meisten von ihnen auf dem Weg nach Westen sind und Cartagena bald wieder verlassen werden. Wir dürfen lokale Produkte wie Wein, Ziegenkäse, Olivenöl und Kaffee Asiatico testen. Und auch eine Kunsthandwerkerin stellt ihre Produkte aus. Trotz aller Verlockungen bleiben wir standhaft und kaufen nichts davon. Schließlich ist das BBQ fertig und wir bekommen Spare Ribs, Baked Potatoes und mitgebrachte Salate serviert. Dazu Dietmars Spezial-Rum-Punsch und weitere nette Gespräche. Ein schöner Nachmittag und Abend, durch den wir allerdings leider die große Abschlussparade der Römer und Karthagener durch die Innenstadt verpasst haben. Und – es gibt schon wieder kein Feuerwerk am Abend. Mmmhhh….
Am Sonntag schlafen wir fein aus und frühstücken bei mal wieder herrlichem Sonnenwetter im Cockpit. Dietmar kommt auf einen Kaffee und Hildebrand bringt neuen Input für das gemeinsame 3D-Projekt vorbei. Ich übe weiter an meine Klavierspiel. Inzwischen haben wir auch den passenden Adapter, so dass ich endlich lautlos für meine Umgebung üben kann. Ansonsten ist es ein geruhsamer Tag, den wir am Abend mit dem sonntaglichen Seglergrillen und dem großen Abschlußfeuerwerk – welches wir leidern nur hören, aber nicht sehen können – der Cartaginesis y Romanos Veranstaltung beschließen.
Die letzten zehn Tage in Cartagena waren für uns sehr beeindruckend. Wahnsinn, wie toll und lebendig man Geschichte erzählen und (er-)leben kann! Die meisten Veranstaltungen waren kostenlos und auch die Ticketpreise waren durchaus erträglich. Und das Engagement der Bevölkerung von Cartagena ist wirklich vorbildlich. Schon vor den Festtagen konnten wir die Vorbereitungen auf die Seeschlacht und das tägliche Rudertraining bis tief in den Abend hinein beobachten. Tage vorher schallte bereits das Marschgetrommle durch den Hafen. Den zeitlichen und finanziellen Aufwand, den die Akteure hier betreiben, kann man nicht hoch genug würdigen. Die Kostüme waren so aufwenig und originalgetreu hergestellt, wie wir es bisher noch bei keiner Veranstaltung gesehen haben. Hut ab vor Cartagena und dieser tollen Veranstaltung! Schade eigentlich, dass meine Geschichts- und Lateinlehrer mir damals diese Begeisterung nicht vermitteln konnten. De bello Gallico („„Gallia est omnis divisa in partes tres.“ ) ging mir damals nur sehr mühsam ins Gehirn. Der nachgespielte 2. punische Krieg war da deutlich einprägsamer. Und die kleine Narbe an meiner Nase wird mich wohl auch immer daran erinnern.
Die neue Woche startet mit einem Zahnarztbesuch für Axel. Eine Krone hat sich gelöst und muss wieder eingeklebt werden. Aus irgendeinem Grund, soll ich dafür.nicht den bordeigenen Zahn-Kleber rausholen und die Arbeiten übernehmen. Komisch! Aber der Zahnarzt erledigt den Job auch ohne Termin schnell und unkompliziert. Erfreulicherweise ist meine lädierte Nase bereits wieder verheilt und tut nicht mehr weh. Und Axels Fahrrad ist bereits nach kurzer Zeit wieder abholbereit. Angeblich war es nur ein Software-Update. Dummerweise geht es aber bereits auf dem Rückweg zur Marina schon wieder mit der gleichen Fehlermeldung nicht mehr. Einfach ärgerlich! Nun will Axel das vermutete Ersatzteil selber bestellen und einbauen. Hoffen wir mal, dass wir dann wieder gemeinsam losradeln können. Inzwischen sind wir bereits fünf Wochen in Cartagena. Die Zeit rast mal wieder einfach nur so dahin. Jeder Tag besteht aus kleinen Projekten und den alltäglichen Aufgaben. Zusätzlich 3D-Druck und Klavierüben. Und natürlich die vielen Gespräche mit den Bootsnachbarn. Egal wo man langläuft, trifft man inzwischen immer jemanden für einen kurzen oder auch längeren Schnack. Trifft sich abends zum gemeinsamen Essen auf diesem oder jenem Boot. Hilft sich einander bei technischen Problemen. Bietet und bekommt Rat, wenn mal wieder etwas an Bord nicht so funktioniert wie es soll. Eine tolle Community, die wir hier in Cartagena gefunden haben.
Nachdem wir in den letzten Wochen Cartagena zu Fuß und mit dem Fahrrad erkundet haben, wollen wir nun im Oktober die Umgebung auch ein wenig per Leihwagen erkunden. Mal schauen, ob wir ein paar nette Plätzchen finden!